Interview mit Felix Heidenreich, von IZKT

Der Gastprofessor der DVA-Stiftung,
Marc Pouzol, im Interview:

Sehr geehrter Herr Pouzol, Sie arbeiten als deutsch-französischer Grenzgänger im Bereich Gartenarchitektur und kennen beide Traditionen. Das deutsche Wort „Garten“ klingt beinahe nach Kleingärtnerei, im Französischen hingegen denkt man bei „jardin“ gleich an den Jardin du Luxembourg oder an die Gartenanlagen von Versailles. Gibt es heute eigentlich noch signifikante Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich auf diesem Gebiet?

Für mich, Landschaftsarchitekt und Gartenliebhaber, wird leider der Begriff Garten zu oft mit „Schau“ assoziiert, beispielsweise bei den Landes-, Bundes- und internationalen sogenannten „Gartenschauen“. Glücklicherweise werden auch zwei meiner liebsten Parks in Berlin und in München „Gärten” genannt: der Tiergarten und der Englische Garten an der Isar.

Zu den Schwerpunkten Ihrer Arbeit gehören „temporäre Gärten“. Welche Idee steht hinter diesem außergewöhnlichen Konzept?

Die Temporären Gärten©, die ich zusammen mit Daniel Sprenger und dem Verband der Berliner und Brandenburgischen Landschaftsarchitekten in Berlin 1997 ins Leben gerufen habe, sind kein Konzept, sondern nur eine jährliche, dreitägige urbane Veranstaltung. Ziel ist es, in einer Stadt im Wandel Positionen junger Landschaftsarchitekten der Öffentlichkeit zu präsentieren.
Was mich persönlich bei den Temporären Gärten seit fast zehn Jahren interessiert, ist nicht die ungewöhnliche Assoziation des Gartens mit dem Begriff „temporär“ sondern vielmehr die Wiederverwendung des Wortes Garten im Fachdiskurs verschiedener Akteuren der Stadtplanung.
Ein weiterer Versuch, den Begriff Garten wieder positiv zu konnotieren, war 2005 die Veranstaltung woistdergarten?. Da haben wir ein Garten-Such-Spiel in Berlin initiiert, um die Rolle des Gartens in der Stadt zu hinterfragen wie auch die heutige Position des  Gartenkünstlers, zwischen Landschaftsarchitekt und paysagiste.

Das entscheidende Ihrer Gartenarchitektur scheint nicht am Schreibtisch mit Stift und Papier zu geschehen sondern vor Ort. Erleben Sie Ihre Arbeit eigentlich auch als ästhetische Erfahrung?

Als Landschaftsarchitekt oder paysagiste besteht der Reiz unseres Berufs in der Verdeutlichung der Ideen und Handskizzen im Maßstab 1:1, draußen. Bei uns endet die Aufgabe selten bei der Abnahme des Projekts. Ab diesen Tag fängt nämlich der neue Ort an, sich zu entwickeln, egal ob es ein Garten, ein Hof, ein Platz oder ein Park ist. Ein „fertiger” Aspekt oder ein „fertiges” Bild wird von uns nie bewusst angestrebt.

Die Städte der Moderne sind als unwirtliche, ja lebensfeindliche Monstren beschrieben worden. Haben Sie den Eindruck, dass sich in der Stadtplanung ein wirkliches Umdenken vollzieht? Werden unsere Enkel 2050 in ganz anderen städtischen Lebensräumen wohnen, oder handelt es sich lediglich um kosmetische Eingriffe, die nicht auf einer neuen Denkungsart beruhen und daher folgenlos bleiben?

Entscheidend für uns Landschaftsarchitekten oder paysagistes ist die „Kultivierung des Blickes”: Es geht darum, den Blick der verschiedenen lokalen Akteure – der Politiker, der Stadtverwaltung, der Architekten und Stadtplaner, der Stadtbenutzer, der Bewohner und der Besucher – zu schärfen, und zwar so, dass die verschiedenen Entscheidungen und deren Konsequenzen für Stadtentwicklung mehr kultiviert werden. Worin wir Landschaftsarchitekten die größte Gefahr sehen, ist immer wieder der Verlust der Bodenständigkeit, au sens propre comme au sens figuré.

Interview veröffentlicht in der Webseite der IZKT: Internationales Zentrum für Kultur- und Technickforschung.

http://www.izkt.de

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